Freiwillige Feuerwehr Haigerseelbach

Der große Brand zu Haigerseelbach am 26.April 1769

In den vergangenen Jahrhunderten haben immer wieder verheerende Feuersbrünste ganze Städte und Dörfer in Schutt und Asche gelegt. Bei den damaligen Verhältnissen stand der Mensch meistens machtlos den entfesselten Elementen gegenüber. Es gab keine Feuerwehr. Solch ent- standen erst als organisierte Gemeinschaften im Laufe der letzten hundert Jahre auf Grund der immer wieder gemachten Erfahrungen durch die großen Brände. Diese hatten in unserer Heimat so überhand genommen dass der Landesherr, der fernab in Den Haag residierte, sich nach den Unglücken von Haigerseelbach und Bergebersbach tief besorgt zeigte über die Zahl der Brände in seinen Nassauischen Landen. Waren doch in wenigen Jahrzehnten etwa 80 Großbrände zu verzeichnen gewesen. Der Landesherr mahnte die Bevölkerung, alles zu tun, um solchen Zerstörungen künftig vorzubeugen.

Wohltätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht.
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft.
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft;
Einhertritt auf eigenen Spur
Die freie Tochter der Natur !
Wehe, wenn sie losgelassen,
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
wälzt den ungeheuren Brand !
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.

Aus:Lied von der Glocke, Friedrich Schiller

Am 26 April 1769, an einem Mittwoch, brach über Haigerseelbach ein solch grauenhaftes Geschehen aus. Im Hauptstaatsarchiv zu Wiesbaden befindet sich ein dickes Aktenbündel über das Brandgeschehen. Betrachten wir es einmal näher : Am 27. April berichtete der Amtmann Kinen, zuständig für das Amt Haiger, dass " die ohnehin in gar schlechten Umständen befindlichen Gemeinde Haigerseelbach durch eine gestern Nachmittag um halb 6 ausgebrochene Feuersbrunst, bei einem starken Ostwind, in Zeit von nicht gar einer halben Stunde gänzlich ruiniert und 34 Wohnhäuser, 31 Scheuern, 10 Viehställe, samt der Kirche und dem erst vor einigen Jahren mit großen Kosten erbauten Schulbau in Aschehaufen verwandelt worden. Den Ursprung des Feuers bin ich bemüht herauszufinden und werde demnächst was derselbige protokollieren gehorsamst einzusenden. "

Ferner berichtet der Amtmann, es seien nicht mehr als 4 Häuser verschont geblieben. Da die Meisten Leute bei Ausbruch des Feuers im Feld arbeiteten, und das Feuer in rasender Eile um sich griff, blieb für die herbeigeeilten Bewohner fast nichts mehr zu retten. Besonders Herrschte neben aller Not ein großer Futtermangel.

Schon am nächsten Tage geht Amtmann Kinen der Ursache des Feuers nach. Er berichtete, dass er erfahren habe, dass Johannes Triesch sich z.Zt. des Brandes im Dorf aufgehalten habe. Triesch wird vorgeladen und gibt auf Befragen an: Er habe am Mittwoch Nachmittag in seinem Wagenstall etwa 2 Stunden lang gearbeitet, als er plötzlich einen Schrei "Feuer ! " gehört habe. Dann habe er weitere Schrie gehört und wie jemand gerufen habe, Conrad Müllers Enkelchen hätte Feuer in dessen Schweinestall getragen. Daraufhin habe er schnell seinen Feuereimer ergriffen, sei zu dem Schweinestall gelaufen, der innen schon in vollem Feuer war. Einige Weibsleute hätten aufgeregt herumgestanden, unfähig, was zu tun. Nun sei er zur Kirche gerannt und habe die Glocke gezogen. Als er daraufhin nach Hause geeilt sei, habe er bei dem Weibervolk den Amtsjäger Leyendecker und Johannes Lentzer angetroffen, welch mit Wasserschütten eifrig beschäftigt waren. Auf einmal sei ein Wirbelwind in das Feuer gekommen, sodass der auf dem Stalle liegende Flachs entfacht und fortgeflogen sei und Müllers Haus in Brand gesetzt habe und sich weitr mit solcher Geschwingkeit ausgebreitet habe, dass er aus seinem Hause nicht das geringste habe retten können. Derjenige, der das erste Feuer gesehen habe, sei des Försters Diepels Sohn von Rodenbach gewesen. Weiter wüsste er nichts.

Nach dieser Aussage wird der Amts -Jäger Leyendecker vernommen. Er gibt an, er habe vor seinem Haus mit Johannes Lentzer gesprochen, als sie das Läuten gehört und angenommen hätten, der Heimberger wolle etwas bekannt machen. Gleich darauf wäre Jakob Diepel von Rodenbach gelaufen kommen und hätte " Feuer !" gerufen. Dann sei er zu der Stelle gerannt und gesehen, dass Conrad Müllers Haus in Flammen stand und auch des Schulmeisters Haus angefangen habe zu brennen. Daraufhin sei er zur Kirche gerannt und habe "gestürmt". Als er zu seinem Haus gekommen sei, habe dieses auch schon so gebrannt, dass er nur einige Stücke Fleisch und das Gewehr habe retten können. Sonst wisse er nichts, aber jeder sage, das Conrad Müllers 4jähriges Enkelchen und andere benachbarte Kinder gleichen Alters das Feuer angelegt haben sollen.

Johannes Lentzer, 40 Jahre alt, sagte aus ähnlich wie der Amts-Jäger und ergänzt, ihm sei Jost Heinrich Hayntz entgegen kommen und gesagt, im unteren Dorf brennt es und sie hätten dann dort einige Weibsleute angetroffen. Plötzlich sei der Wind so stark geworden, dass schnell alles in Glut stand und Hayntz gerufen habe: " Hier ist alles verloren !"

Auch dieser 30 Jahre alte Mann erzählte, dass er Holz habe zum Backhaus getragen, als jemand gesagt habe, es sei Feuer im Dorf. Da hätte er alles liegen und stehen lassen und wäre mit seiner Magd mit Feuereimern zur Brandstätte gelaufen und hätte er nur in des Conrad Müllers Haus Feuer gefunden. Aber all ihr Bemühen sei umsonst gewesen.

Hierauf wird nun Conrad Müller, 56 Jahre alt, vernommen. Dieser kam mit seinem Enkelchen, einem Kind von 4 Jahren, und aussagte, er wäre im Feld gewesen und wisse nicht, durch welchen unglücklichen Zufall das Feuer in seinen Schweinestall gekommen sei. Sein Enkelchen wäre ein Kind, das an Sprache und Gehör Mängel hätte und könne er aus dem selben mit guten und bösen Worten nichts heraus bringen. Zwar könne er nicht leugnen, dass auf dem Dache des Stalles, welches geschindelt sei, Flachs gelegen habe, weil dieser in den Häusern nicht aufbewahrt werden durfte.

Nun wurde auch der Jakob Diepel, 22 Jahre alt, gebürtig aus Rodenbach, vorgefordert. Er gab an, er habe von seinem Acker durch Haigerseelbach nach Hause fahren wollen, als er in Conrad Müllers Schweinestall das Feuer bemerkt habe, welches ca. 5 Schuh hoch gebrannt und sonst niemand als das Enkelchen des Müllers dabei gesehen. Er habe sofort " Feuer !" gerufen und versucht zu löschen.

Nach diesen Feststellungen berichtet der Amtmann am nächsten Tage ausführlich über die entstandenen Schäden. Der Heimberger (Bürgermeister)Jost Heinrich Eychert sei besonders schwer betroffen,er habe von seiner Kleidung, Leinen, Hausrat nicht das geringste davon gebracht, zudem sei seine Barschaft von 730 Gulden im Feuer geblieben. Der Heimberger hatte sich besonders ausgezeichnet, indem er aus seinem Hause die Gemeindebücher (Lagerbücher - Grundstücks-Verzeichnisse) gerettet hatte. Dafür erhält er später eine Belohnung von 150 Gulden von der Landesregierung. Auf Anweisung der Regierung wird der Bevölkerung unverzüglich geholfen durch Lieferung von Futter und Bauholz. Spenden aus den Nachbargemeinden und später aus allen Oranierlanden halfen die Not zu lindern.

Die Bevölkerung machte sich sofort an den Wiederaufbau, der aber zunächst gebremst wurde, da der Amtsmann zu bedenken gab, man solle nicht mehr in der bisherigen Weise aufbauen. Daraufhin gab die Regierung dem Capitain Pfau den Auftrag, einen Lageplan zu entwerfen, der besser die Belange einerWohngemeinschaft erfülle; es werden Sicherheitsabstände für die Gehöfte vorgeschrieben und vieles andere. besonders legte die Regierung Wert darauf, dass die Stelle, an der der Brand ausgebrochen war, für alle Zeiten als Mahnung nicht mehr bebaut werden durfte.

Manche der Abgebrannten hatten einige Häuser auf Abbruch in anderen Gemeinden gekauft, mussten aber warten mit dem Aufschlagen, da der Amtmann der Dillenburger Regierung Vorschläge gemacht hatte, wozu diese nicht gleich ja sagen konnten. Aber wesentliche Gedanken des Amtmanns wurden verwirklicht, wie z.B., dass Wohnhaus und Stall mit Scheunen künftig eine Einheit bilden sollten und sich so besser wirtschaften ließ. Leider hat Kinen den Wiederaufbau nicht vollenden können, da er abberufen wurde und an seine Stelle der Amtmann Hatzfeld trat. Dadurch ist wohl manches nicht so gestaltet worden, wie es in den Plänen vorgesehen war.

Aus dem Schriftwechsel des Amtmanns Kinen noch einige Angaben über Kirche und Schule, die für die Ortsgeschichte von Bedeutung sind. Er schreibt wenige Tage nach dem Unglück :

" Was a) die Kirche betrifft, solche in anno 1731 neu erbaut worden. Es war dieselbe von Holz mit einem rauen Kalkwurf überzogen und höher nicht als 5 bis 6 Fuß ringsum untermauert. Von der etwa 300 Pfund schweren Glocke, welche geschmolzen, ist nicht mehr als 21 Pfund Glockenspiele zusammengebracht worden. Die Uhr ist gleichfalls verbrannt, schätze demnach die Kirche ad min. Wert . . . 2500 Gulden.

b) die Schule war ein ganz neues zwei Stockwerk hohes Gebäude 42 Schuh lang, 27 weit. Es hat solche die Gemeinde, welche diese Bebauung aus eigenen Mitteln getan, über 1000 Gulden gekostet."

Hier nun die Liste der Brandgeschädigten; mancher Dorfbewohner wird darunter Vorfahren finden :

Hermann Kring Johannes Triesch sel. Christian Mill Conrad Müller Johannes Triesch Johann Henrich Hayntz Jost Henrich Eychert jun. Jost Eydam Johann Görg Baum sel. Johann Henrich Eychert sen. Martin Nickel Johannes Kapp Johann Henrich Scholl Jost Henrich Eychert sen. Adam Kring Peter Müller und dessen Eidam Anna Katharina Pfeifferin Johann Christian Thiel Jost Henrich Hayntz Caspar Claas Johann Henrich Eychert jun. Jost Henrich Scholl Joh. Hernr.Helgehöfers Kinder Johann Henrich Triesch Heimberger Jost Henrich Eychert Johann Görg Triesch Jost Henr.Triesch der Ältere Christian Kringen Wittib Johann Philip Giebeler Jost Triesch Johannes Krentzer Johann Jost Flick Johann Jost Claas Johannes Eicherts Kinder Amtsjäger Leyendecker

Nach den Verlustlisten ist auch zahlreiches Vieh umgekommen. Über 200 Jahre sind seit diesem traurigen Ereignis vergangen. Seitdem ist das Dorf, von kleineren Bränden abgesehen, bewahrt geblieben. Möge dies auch in Zukunft so sein !

Quellen : HSTAW 172/1398